Herausforderungen in der Versorgung von Menschen mit und nach Krebs

Langzeitüberlebende mit Krebs, so genannte Cancer Survivors, sollen künftig mehr in den Fokus der onkologischen Versorgung gerückt werden. Darauf haben sich Experten auf der diesjährigen Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Tumorzentren, Onkologischen Schwerpunkten und Arbeitskreisen in Baden-Württemberg (ATO) geeinigt. Die ATO, die seit fast 40 Jahren die Versorgung von Krebspatienten prägt, wird vom Krebsverband Baden-Württemberg koordiniert.

„Die Langzeitüberlebenden haben oft mit lebenslangen Spätfolgen zu kämpfen und bedürfen einer besonderen Betreuung und Versorgung“, sagte Prof. Dr. Uwe Martens, Direktor der SLK-Kliniken in Heilbronn und Vorsitzender des Krebsverbandes. Martens hat als Arzt über die Jahre eine extreme Heterogenität bei den Cancer Survivors festgestellt. „Da sehen wir Kinder und junge Menschen, aber auch Ältere, die eine lange zurückliegende Krebsdiagnose haben. Die Bedürfnisse und Nöte dieser Personengruppen sind völlig unterschiedlich“, sagte er im Expertengespräch im Rahmen der 39. ATO-Tagung im November, die von der German Cancer Survivor Initiative unterstützt wurde und wegen der Corona-Pandemie virtuell stattgefunden hat. „Wir brauchen im Prinzip eine wissenschaftliche Begleitung, um hier Klarheit zu bekommen.“

Menschen, deren Krebsdiagnose mehr als zehn Jahre zurückliegt, gelten in der Onkologie als Langzeitüberlebende. Ihre Zahl steigt aufgrund der verbesserten und ganzheitlichen Therapien kontinuierlich an. „Wir sehen heute mehr und mehr Patienten den Krebs besiegen, deren Aussicht zum Zeitpunkt der Diagnose kaum Grund zur Hoffnung gab“, erklärte Markus Klett, Vorsitzender der Stuttgarter Ärzteschaft. Diese Cancer Survivors leiden oft noch viele Jahre nach der Überwindung der Krankheit unter körperlichen und psychischen Spätfolgen durch intensive Behandlungen wie Chemotherapie oder Bestrahlung. Dazu gehören ungewollte Kinderlosigkeit, ein gestörtes Körpergefühl oder verschiedene Ängste – und viele Betroffene machen die Erfahrung, dass ihre Symptome von ihrer Umwelt nicht ernst genommen werden. Es gibt beispielsweise keine spezielle Vorsorgebehandlung für die Langzeitüberlebenden.

Unter der professionellen Moderation von Stephan Pregizer von der German Cancer Survivor Initiative waren sich die Experten einig, dass schnellstmöglich eine Versorgungsstruktur für die Langzeitüberlebenden aufgebaut werden muss. Besonders niedergelassene Ärzte sind nach Ansicht von Gerd Nettekoven, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe, in punkto Cancer Survivors nicht gut aufgestellt. Die Krebszentren würden zwar anfangen, sich mit dem Thema zu befassen. „Aber das wird nicht von jetzt auf gleich gehen“, sagte Nettekoven im Expertengespräch im Rahmen der ATO-Tagung. In fünf Jahren, so hofft er, werde man viel mehr Daten über die Langzeitüberlebenden haben und mit Hilfe einer Regelfinanzierung könnten die psychosozialen Beratungsstellen zudem eine andere Rolle einnehmen. Auch Uwe Martens glaubt daran, dass es in fünf Jahren ein größeres Bewusstsein für die Belange der Cancer Surivors geben wird. Er geht davon aus, dass dann auch die Versorgungsstruktur ein großes Stück weiter sein wird, wünschenswert ist seiner Ansicht nach, eine eigene Abrechnungsziffer für einen jährlichen Komplettcheck der Langzeitüberlebenden.

Diese Erkenntnisse unterstrich Dr. Peter Esser vom Universitätsklinikum in Leipzig ebenso wie Buchautorin Petra-Alexandra Buhl. Esser beleuchtete in seinem Vortrag die Herausforderungen, vor die die Langzeitüberlebenden die Onkologie stellen, in wirtschaftlicher, körperlicher und psychischer Hinsicht. Petra-Alexandra Buhl ist selbst Betroffene und hat für ihr Buch „Heilung auf Widerruf“ mit zahlreichen anderen Langzeitüberlebenden gesprochen. Auch in Buhls Vortrag bei der ATO-Tagung ist klar zum Ausdruck gekommen, dass Cancer Survivors bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden ist und sie genau darunter leiden.

Den Vortrag von Dr. Peter Esser finden Sie hier.

Den Vortrag von Petra- Alexandra Buhl finden Sie hier. 

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